martes, 8 de abril de 2008

In einem Anfang war die Liebe Gewalt

Was passiert mit einer jungen argentinischen Dichterin in den Jahren von 1950 bis 1960, die unbedingt Rimbaud sein möchte? Sie wird zwangläufig ein exzessives, schmerzliches Leben führen. Und sie wird trotz ihres großen Talents, trotz Inspiration, Kreativität und trotz beharrlicher Suche nach Erneuerung der spanischsprachigen Dichtung nicht nur am ausbleibenden Erfolg scheitern, sondern ihr Leben opfern.


Die Rede ist von Alejandra Pizarnik, die 1936 in Buenos Aires als Tochter russisch-jüdischer Emigranten geboren wird und 1972 mit 36 Jahren Selbstmord begeht. Ab Mitte der fünfziger Jahre thematisiert sie ihren Tod in Gedichten und in Tagebüchern (1954-1971) Dutzende Male. Nach der Veröffentlichung ihrer Gedichte, Cenizas - Asche, Asche (2002) liefern Pizarniks künstlerische, private und öffentliche Notate deutschen Lesern nun erstmals Einblick in das Leben und Schaffen der Dichterin, die heute als bedeutendste jüdische Vertreterin spanischer Sprache der klassischen Moderne gilt und längst zur Legende geworden ist. Sie studiert Philosophie und Literatur in Buenos Aires und gilt bald als junges dichterisches Talent in Literatenkreisen. 1955 veröffentlicht sie ihren ersten Gedichtband, La tierra más ajena (Das fremdeste Land). 1961 erfüllt sie sich einen lange gehegten Wunsch und geht nach Paris. Dort lebt, dichtet, übersetzt sie bis 1964 im Kreis lateinamerikanischer Literaten wie dem mexikanischen Dichter und Intellektuellen Octavio Paz und ihrem Landsmann Julio Cortázar. Mit beiden soll Pizarnik, laut Legendenbildung, eine Liebesbeziehung unterhalten haben.

Die wichtigsten Gedichtbände erscheinen nach ihrer Rückkehr in Buenos Aires. Doch an die Provinzialität der Metropole "peripherer Modernität" kann und will sie sich nicht gewöhnen. Es folgen Jahre der Krankheit, Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken und schließlich ihr Selbstmord durch die Einnahme einer Überdosis Schlaftabletten. Die Veröffentlichung der Tagebücher geschieht, so die Herausgeberin, auf den ausdrücklichen Wunsch Pizarniks. Vielleicht wusste die Dichterin, dass diese Eintragungen in ihrem zeitdokumentarischen Charakter den Zugang zu den teils als "unlesbar" geltenden Texten erleichtern würden. Aus heutiger Sicht lässt sich - trotz existierender Leser-Fangemeinde - behaupten: das Hauptinteresse richtet sich auf ihr Schicksal als Frau und Dichterin.

Erstmals äußert sich Pizarnik zum Tagebuch als literarischem Werk 1955: "Das Beste, was mir einfällt, ist eine Art Tagebuch, gerichtet an (einmal angenommen) Andrea. Das heißt, es wären weder Briefe noch ein gewöhnliches Tagebuch. Es könnte in zwei oder drei Bereiche unterteilt sein. Einer, der der Liebe gewidmet ist, ein weiterer der Angst, der dritte, mon dieu!, hier wäre noch die Frage, sich zu entscheiden und zu wählen: die Welt einfangen oder sie zurückweisen." Damit nennt sie bereits die drei großen Themen ihrer Tagebücher. Beim dritten "Bereich" entschied sich Pizarnik eindeutig für "das Zurückweisen der Welt". Porträt der Dichterin als junge Frau Wie ist Alejandra Pizarniks Zustand mit 19 Jahren? Wie den jungen Rimbaud drängt es sie, ein bedeutendes Werk zu schreiben. Ihr Arbeits- und Lebensplan für 40 Tage im Juli 1955 lautet: "1) Den Roman beginnen. 2) Die Bücher von Proust beenden. 3) Heidegger lesen. 4) Nicht trinken. 5) Keine Gewaltakte. 6) Grammatik und Französisch lernen." Doch im Gegensatz zu Rimbaud, der bereits mit 21 Jahren sein Werk vollendet hatte und den Dichterberuf an den Nagel hing, wartet Pizarnik bis an ihr Lebensende auf den großen Wurf.

Schon mit 19 Jahren plagen sie massive Selbstzweifel: "Warum leide ich und quäle mich mit den Gespenstern meiner Phantasie? Warum glaube ich so fest daran, dass ich zu Höherem berufen bin?" Was ihre Frauenrolle betrifft, bewegt sich die 19-Jährige zwischen altbekannten Stereotypen, zwischen "Weibchen" und Maniac. Sie fragt sich einerseits: "Warum kleide ich mich nicht elegant und spaziere mit meinem Verlobten am Arm durch Santa Fe? Warum suche ich mir nicht ein ruhiges Plätzchen, heirate, kriege Kinder, gehe ins Kino, in die Konditorei, ins Theater?" Andererseits kommt sie mit einem provokanten Vorschlag für weibliche Selbstverwirklichung daher: "Zum Teufel! Man müsste Bordelle einrichten speziell für Künstlerinnen!" Zwischen diesen widersprüchlichen Selbstbildern schaltet die Tagebuchautorin den "objektiven" Blick von außen, Pizarnik spiegelt sich im Zitat eines Jugendfreunds: "Das ist Alejandra, das begabteste Mädchen der Welt. Sie hat alles, was Gott einem menschlichen Wesen schenken kann, trotzdem ist sie immer traurig."

Im Rückblick auf ihre Situation als junge Dichterin in Buenos Aires liefert Pizarnik in ihrem Pariser Tagebuch 1963 eine treffende Analyse: "Was ich gern wollte, ist, dass mein Buch von der Promiskuität und dem zermalenden Bewusstsein einer einsamen, jungen Frau spricht, die voll ist von den Klischees der Einsamkeit." Und immer wieder Rimbaud Sicherlich gehört Pizarnik zur letzten Generation lateinamerikanischer Literaten, die in Paris die eigentliche Hauptstadt der lateinamerikanischen Intellektuellen sehen. In Octavio Paz findet sie Unterstützung. Er schreibt 1962 das Vorwort zu ihrem Gedichtband Dianas Baum. Auch Julio Cortázar bildet ein wichtiges Gegenüber. Im Nachruf auf Alejandra Pizarnik schreibt er: "Es reicht, sie zu nennen, und in der Luft erzittern Poesie und Legende". Dennoch bleiben die aufregenden Pariser Jahre von Einsamkeit und Isoliertheit geprägt, von Freunden und Kollegen grenzt sie sich ab: "Meine jungen Avantgardefreunde sind genauso konventionell wie die Literaturprofessoren. Und wenn sie Rimbaud lieben, dann ist es wegen dem, was Rimbaud gelitten hat, es ist wegen der Entzückung, die ein paar Wörter in ihnen erzeugen, die sie niemals verstehen werden."

Sehr gern wäre die junge Dichterin bei einem Meister in die Schule gegangen, wie sie 1963 in Paris notiert: "Eines gibt es, das mich fasziniert hätte: einen Meister zu haben, ich wäre gern in seine Werkstatt gegangen, hätte handwerkliche und metaphysische Dinge erlernt und über sie meditiert." Wie Arthur Rimbaud, der in Paul Verlaine seinen Meister und Freund fand? Auf Rimbauds Genie kommt Pizarnik immer wieder zu sprechen: "Rimbaud hatte keinen Schreibtisch. Darum hat es auch nie wieder einen wie ihn gegeben. Alle wollen Rimbaud sein, aber mit Schreibtisch. Quant à moi: Ich will meinen Plan erfüllen. Und, vor allem dreißig werden." Entdeckung durch die Frauenbewegung Ohne die Frauenbewegung und das Interesse für weibliches Schreiben in den siebziger und achtziger Jahren wäre Alejandra Pizarnik weder entdeckt noch Legende (ge)worden.

Über die Schwierigkeiten, die sie als Frau zu bewältigen, den Preis den sie im sich modernisierenden, aber weiterhin patriarchal orientierten Argentinien, zu zahlen hatte, als sie als Dichterin nach öffentlicher Anerkennung strebte, erzählt ihr Tagebuch. Neben den konkreten materiellen Hindernissen, sind es vor allem die fest gefügten Frauenbilder, denen sie im Schritt von der Privatheit in die Öffentlichkeit begegnet. Beredtes Zeugnis dieser Situation liefert die Eintragung vom 5. Juli 1955 über das Alltagsleben in Buenos Aires: "Ich kann nicht eine Stunde in einem Cafe sitzen, ohne dass jede Minute zwei kleine machos auftauchen, um das Dasein zu stören, das dieses arme Weib zu führen wünscht." Öffentlichen Raum zu gewinnen, heißt für die Generation Pizarniks, vorhandene Frauenbilder aufzugreifen und produktiv umzusetzen. Als Vorbilder dienen die "Schwestern Brontë", die chilenische Dichterin und Diplomatin Gabriela Mistral, die argentinische Dichterin Alfonsina Storni, sowie Sappho und auch Rosa Luxemburg.

In Pizarniks Gedichten wird das Private zum öffentlichen Ereignis. Über diesen Schritt schreibt sie geradezu programmatisch in einem ihrer letzten Gedichte: "Könnte ich doch nur in Ekstase leben, indem ich den Körper des Gedichts aus meinem Körper mache." Die bewusste Entscheidung, aus dem Privaten in die Öffentlichkeit zu treten, hat, wie bei Alejandra Pizarnik beispielhaft zu sehen ist, seine Kehrseite: Das öffentliche Interesse an Frauen, die sich ins Rampenlicht begeben, zielt zumeist einzig auf das Private. Die Betonung des rein Biographischen, der Lebensform statt des künstlerischen Schaffens, des Werks zwingt geradezu zur Inszenierung, ermöglicht zugleich aber auch die bewusste Selbstinszenierung.

Von Frauen, die ihr Leben selbst in die Hand nehmen, wird erwartet, dass sie es publikumswirksam in Szene setzen, ihre Biographie zu einer Art Legende ausgestalten, die dann untrennbar mit dem Werk verschmilzt beziehungsweise als das eigentliche Werk gilt. Alejandra Pizarnik gelingt es, sie wird zur Legende einer Dichterin. Doch zahlt sie dafür einen hohen Preis. Aus der Reihe feministischer Lektüren Pizarniks sind die Arbeiten der argentinischen Literaturwissenschaftlerin Silvia Molloy hervorzuheben. In ihrem Essay Von Sappho zu Baffo - der Umgang des Sexuellen bei Alejandra Pizarnik arbeitet sie die feministische Haltung der Dichterin heraus. Das heißt, in erster Linie dem normativen Blick auf sexuelle Praktiken entgegenzuwirken. Molloys Lektüre widerspricht gängigen Interpretationen, die in Pizarnik Frauenfiguren, zum Beispiel in der blutrünstigen Gräfin aus der Erzählung gleichen Titels La condesa sangrienta (1971), das Modell des "lesbischen Bösen" alias Baudelaire sehen.

Dieser weibliche Vampir sei keine Figur, die Schrecken verbreite, sondern konzipiert um die Öffentlichkeit zu provozieren, herauszufordern. Anders als Rimbaud, der von seinen Reisen nach Frankreich zurückkehrte, "um einen schönen Tod zu sterben", kehrt Alejandra Pizarnik nach Buenos Aires zurück, um einsam zu schreiben und zu leiden.


In einem Anfang war die Liebe Gewalt. Tagebücher, herausgegeben von Ana Becciu. Aus dem Spanischen übersetzt von Klaus Laabs, Amman, Zürich 2007, 500 S.
Decidí crear este blog porque estoy convencida que el conocimiento si no se comparte es inútil. He dedicado más de 15 años al estudio de su vida y obra. Realicé mi tesis doctoral sobre el discurso autobiográfico en AP, la cual resultó un libro de 700 páginas (se puede consultar en la Biblioteca de la Universidad Complutense de Madrid). Ahora bien, solo os pido una cosa. Por respeto a mi dedicación y estudio, si tomáis fotos, artículos u otro material, citad la fuente. Muchas gracias.

MADRID 2008

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Poeta y doctora en Literatura Latinoamericana por la Universidad Complutense de Madrid. Estudió los archivos de Alejandra Pizarnik depositados en la Universidad de Princeton.